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dieJulia | 1432 days ago | 15 Comments | Link

Es hat ja nicht erst gestern angefangen oder vorgestern oder letztes Wochenende. Deutlich bewußt wurde es mir schon Ende Juli, als ich mein nach frischem Heu duftendes Heimatörtchen, das ich in seiner bergigen Stille in meiner Jugend durchaus als Gefängnis empfunden habe, in dem ich mit 20 schließlich meine Zeit abgesessen hatte, verließ und anderntags in der dröhnenden Großstadt munter wurde, so klein die auch ist, und mir nichts mit meinem Tag anzufangen wußte, und auch nicht mit dem nächsten. Gesagt habe ich niemandem was davon, ich hatte allerdings vor, im Sommer öfter einmal daheim einen Besuch abzustatten. Dazu ist es aus verschiedenen Gründen nicht gekommen, zuviel Arbeit, zu wenig Zeit, dieses und jenes. So ist ein ganzer Sommer vergangen, ein Sommer ohne Garten, ohne Wald, ohne Dauerregen freilich, dafür aber auch mit jeder Menge Hitze, Gestank, Lärm.

Letztes Wochenende war’s, daß ich meine Seele wieder einmal ein bißchen durchlüftete, und da gab es drei Momente, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen wollen. Einmal war da dieses Durchschnaufen unter einem Sternenhimmel, der alle Stückeln spielte, diese würzige Luft, in der sich das letzte geschnittene Gras mit dem Duft von Erde und Tau und Wald mischte. Beim Schlafengehen war es das Gluckern eines kleinen Baches, kontrapunktisch dazu das blecherne Scheppern der Glocke eines friedlich grasenden Kolosses ein Stockwerk unter mir. Und am nächsten Tag, da gab es schließlich einen Moment, der mir mehr als alles andere klarmachte, was ich in den letzten Monaten so bitter vermisse: Eine große, schwarze Krähe flog über uns drei staunende Leute vor dieser Hütte in den Bergen, und man hörte klar und deutlich ihren Flügelschlag.

Stille.
Ich sehne mich nach Stille. Nach Leere. Nach Ruhe. Mich ekelt sie an im Moment, diese Stadt, mit all den permanent quasselnden und hupenden und schreienden und telefonierenden Leuten, den quäkenden U-Bahnen, den bis zur Unerträglichkeit lautgestellten Autoradios, dem unablässigen Sirenengebrüll der Einsatzwägen, der ohrenbetäubenden Kakophonie der viel zu lauten Fernseher bei geöffnetem Fenster, dümmlich quäkende Dauerscheiße, überlagert vom nicht endenwollenden Maschinengewehrgeknatter aus der Wohnung des spielsüchtigen Wahnsinnigen irgendwo in meiner Nachbarschaft, den ich mir vorstelle wie eine menschengroße, fette Made, die noch nie das Tageslicht gesehen hat, dem Dauerstreit aus der Nachbarwohnung, den ratternden Maschinen, die unermüdlich Fassaden und Straßen aufreißen und wieder zustopfen, den Flugzeugen, die im Landeanflug über meine Wohnung donnern, daß ich im Minutentakt fürchte, mir fällt der Himmel auf den Kopf. Mich ekelt sie an im Moment, diese Stadt mit ihrer zahnlosen Natur, ihren zu kitschigen Karikaturen verkommenen Parks, ihren giftgrünen Kunstrasenflächen, die man ohnehin nur erreicht, wenn man sich in irgendein öffentliches Verkehrsmittel quetscht oder ins Auto setzt und eine halbe Stunde fährt, und deren Erbärmlichkeit nur noch vom Müll übertroffen wird, der darauf abgelagert wird. Zwar werden die Tage jetzt klarer, der dicke Staub des Sommers und seiner Baustellen wird sich legen, aber dann wird schon der Hochnebel kommen, der Wien wochenlang in Dauergrau hüllt. Und nach dem Nebel kommt dann der brüllend laute Vorweihnachtsirrsinn mit all seinen idiotisch-degenerierten Auswüchsen, denen man nicht nicht nicht entgehen kann. Und dann der dreckige Schneematsch, der beißende Eiswind, bis es endlich, viel zu spät, Frühling wird, die einzige Jahreszeit, die dieser Stadt wirklich gut steht.

Nach elf Jahren hier kommt mich zum erstenmal eine tiefsitzende Abscheu an vor diesem stinkenden, lärmenden, dreckigen Moloch aus Stein und seinem immer gehetzten Mob. Zum erstenmal nach all der Zeit denke ich über Alternativen nach. Ernsthaft.

So kann das jedenfalls nicht weitergehen

dieJulia | 1467 days ago | 20 Comments | Link

Komischer Tag. Komische Woche. Komischer Sommer, frühzeitig gealtert. Komisches Jahr. Ja, da krieg ich gleich so das Gefühl, daß das überhaupt ein komisches Jahr gewesen ist bis jetzt. Wertvolle Lebenszeit schlabbert vorbei, und ich sitz in meinem komischen kleinen Schinakel und warte auf ein bißchen Rückenwind. Aber nix. Flaute.

Mein Leben fühlt sich in Tagen wie diesen an wie ein abgetragener Mantel aus dem Caritas-Container, der ein bißchen müffelt. Oder vielleicht, weniger übertrieben, wie ein Billigmodell von H&M. Ein Leben von der Stange. Stunde frißt Stunde. Minute frißt Minute. Sekunde frißt Sekunde. Hörst du die Zeit? Hörst du, wie sie durch undichte Rohre rieselt und versickert, während du nichts tust? Jedenfalls nichts so richtig Richtiges? Stellst du dir gerade die Sinnfrage, Schätzchen?

Ich mag mich selber nicht in letzter Zeit. Schau mich in den Spiegel und dann schnell wieder weg, weil ich meinen stumpfen Blick nicht ertragen kann. Wieso bin ich nicht längst über alle Berge? Wieso bin ich so lahmarschig in letzter Zeit? Wo ist das Feuer unter meinem Hintern? Was hält mich eigentlich überhaupt noch da? Mein kleiner, unterbezahlter Job? Meine kleine Wohnung in diesem netten Grätzl, wo mir auf dem Weg zur Arbeit schon lauter bekannte Gesichter begegnen und mich grüßen? Die paar kleinen Unternehmungen von Zeit zu Zeit, die man braucht, um nicht durchzudrehen, die paar kleinen Glücksmomente, die man so hat? Wann hab ich zuletzt so richtig gefiebert vor Freude, wann hab ich das letzte Mal etwas so richtig Verrücktes angestellt, wann war ich zuletzt so richtig unvernünftig, wann hatte ich das letzte Mal so richtig Angst und mußte all meinen Mut zusammennehmen? Wann war ich eigentlich das letzte Mal so richtig irre glücklich?

Wirklich, ich meine, scheiße, es muß wirklich wieder einmal eine ordentliche Stattfindnis her, so kann das nicht weitergehen in diesem hübschen kleinen Treibrad, das sich als Alltag tarnt. Nichts wie raus hier! Ich will Pferde stehlen gehn. Mich in Abgründe stürzen. Lachen. Weinen. Mich unsterblich verlieben. Was weiß ich. So kann das jedenfalls nicht weitergehen, sonst werde ich gleichgültig und träge oder verbittert und frustriert.

Bäh.

Gespenster (2)

dieJulia | 1473 days ago | 6 Comments | Link

I wish I was an alien
at home behind the sun
I wish I was the souvenir
you kept your house key on

Manchmal möchte ich blond sein.
Bin ich aber nicht.

Gespenster

dieJulia | 1473 days ago | 9 Comments | Link

Ein schöner Tag. Ein ganz konkret schöner Tag. Blauer Himmel, Schäfchenwolken, Sonne. Das Schloß.
Ich bin da hingegangen. Nicht zum ersten Mal.
Die Wirklichkeit ist komisch löchrig. Unkonkret. Ich gehe wie durch Gallert, es strengt mich an, meine Muskeln wachen auf und protestieren, irgendwelche komische chemische Stoffe docken irgendwo in meinem Hirn an und veranlassen meine Haut, sich zusammenzuziehen. Gänsehaut. Ich nehme den Weg zur Gloriette, die Wiese so grün, der Himmel so blau, die Sonne so freundlich, die Touristen so quietschvergnügt - und ich so überzogen mit Gänsehaut, obwohl ich angesichts des ungewohnten Anstiegs schwitze.

Ich zwinge mich zum Denken, so an den kühlen Stein gelehnt. Das Schloß da unten steht unbeeindruckt und leuchtet mir in seinem komischen Gelb, das ich nie gemocht habe, entgegen, die Stadt glitzert im sirrenden Nachmittagslicht, die plappernden Menschen blende ich aus. Ich beobachte, wie sich die Härchen auf meinem Unterarm aufrichten. Höre mein Herz rumpeln und spüre, wie es sich schon wieder fängt. Dann zerbricht etwas in mir. Oder vielmehr reißt etwas. Schnell, scharf und mit einem Geräusch, das mich erschrocken zusammenfahren läßt.

Das warst nicht du.
Die ganze Zeit über warst du das nicht.
Es ist mir peinlich, als mir in diesem Augenblick eine Träne herunterrinnt und auf meinem Arm explodiert, und ich wische sie rasch weg, wie ich ein schlechtes Argument vom Tisch fegen würde.
Ich bin erleichtert und beklommen zugleich. Das warst nicht du. Das war was anderes. Das war eine andere Variante einer vielleicht wirklicheren Wirklichkeit. Irgendwas da draußen zieht an mir, und ich wage nicht zu sagen, was, obwohl ich einen sehr dringenden Verdacht habe, der sich tagtäglich, nein, nachtnächtlich, in meinen Träumen bestätigt.

Als ich in meiner Wohnung ankomme, tun mir meine Füße so weh, als wäre ich um die halbe Welt gerannt.
Das Denken setzt aus. Weißes Rauschen stattdessen. Es hat alles ganz anders angefangen und sollte eigentlich einen ganz anderen Ausgang nehmen.

Die Wirklichkeit ist komisch löchrig.
Und ich sehe Gespenster.

Ging mir grad so her

dieJulia | 1476 days ago | 10 Comments | Link

"Nach dem Zweiten Weltkrieg schickte man von amerikanischer Seite aus eine Forschergruppe nach England, um ein soziologisch sehr interessantes Phänomen zu studieren, das es in diesem Ausmaß bisher noch nie gegeben hatte. Es handelte sich um die Durchdringung einer ganzen Bevölkerung durch Hunderttausende von Angehörigen eines anderen Kulturkreises, nämlich durch die amerikanischen Soldaten, die während der Invasion in England stationiert waren. Die Wissenschaftler untersuchten unter anderem auch das Paarungsverhalten zwischen den amerikanischen Soldaten und den englischen Frauen. Dabei stieß man auf einen seltsamen Widerspruch. Die englischen Frauen bezeichneten die amerikanischen Soldaten als sexuell sehr direkt. Das war von Soldaten ja zu erwarten. Merkwürdigerweise aber sagten die Amerikaner von den englischen Mädchen genau dasselbe.

Man versuchte diesen Widerspruch zu klären und stellte fest, daß in beiden Kulturkreisen das Paarungsverhalten vom ersten Blickkontakt der zukünftigen Sexualpartner bis zum Vollzug des Geschlechtsverkehrs durch ungefähr 30 gut feststellbare Stufen läuft. Allerdings ist in den beiden Kulturkreisen die Abfolge dieser 30 Stufen verschieden. So kommt z.B. Küssen im amerikanischen Paarungsverhalten relativ früh und ist eine harmlose Sache, während es im englischen Paarungsverhalten eine sehr erotische Bedeutung hat und daher erst spät kommt. Sagen wir, daß für Amerikaner Küssen bei Stufe 5 kommt, während es sich in England bei Stufe 25 ergibt. Stellen Sie sich vor, was geschah, wenn ein amerikanischer Soldat annahm, daß der Moment gekommen war, seine neue Freundin zu küssen. Diese war nun mit einem Benehmen konfrontiert, das nicht in das frühe Stadium der Beziehung paßte und nur als unverschämt zu bezeichnen war. Das Mädchen hatte daraufhin zwei Möglichkeiten: Entweder sie floh, oder aber – da zwischen 25 und 30 nicht mehr viele Stufen liegen – begann, sich auszuziehen. In diesem Fall fand sich nun der amerikanische Soldat vor einem Verhalten, das er nicht erwartet hatte und das auf ihn ebenfalls „schamlos“ wirkte. (...) Würde man einen klassischen Irrtum der Verhaltenswissenschaften begehen und das Mädchen allein beobachten, also ohne die Interaktion in Betracht zu ziehen, so könnte man die Betreffende, wenn sie fluchtartig wegläuft, als Hysterikerin, und wenn sie anfängt, sich auszuziehen, als Nymphomanin bezeichnen."

[aus: Paul Watzlawick: Vom Unsinn des Sinns oder vom Sinn des Unsinns. Piper, 1995]