Ich weiß, ich klinge jetzt gleich wie eine jesusschlapfentragende Öko-Tussi, aber das bin ich nicht. Es ist nur so: es beschäftigt mich, und es macht mich wütend. Ich bin keine Vegetarierin, ich find' Tofu offengestanden todlangweilig, aber wenn ich an Billigeier aus Legebatterien denke, oder an wässriges Fleisch unendlich gequälter Kreaturen, die zum Schlachten durch halb Europa gekarrt wurden, und zwar lebendig, nur damit die Uschi billig zu ihrem Aufschnitt kommt, könnte ich in manchen Momenten echt heulen.
Mir kommt jedenfalls sämtliche verfügbare Galle hoch, wenn ich dran denke, wie sehr wir diesen Planeten vergewaltigen. Allein schon wie wir das Leben darauf mit Füßen treten, nur damit wir unser tägliches Schnitzel in uns hineinschlingen können, Hauptsache billig, ist widerwärtigst. Aber es kommt noch weit schlimmer, und das Problem ist global. Wieso müssen im Supermarkt eigentlich 20 verschiedene Joghurts im Kühlregal stehen, die zum Teil einen Anfahrtsweg von mehreren hundert Kilometern hinter sich haben, (wobei die Fruchtmischung darin aus Winkeln Europas stammt, die allein schon Transportstrecken notwendig machen, bei denen es selbst einem abgebrühten Fernfahrer graust)? Die Obst- und Gemüseabteilung im Supermarkt ums Eck ist mir auch schon lang ein Dorn im Auge. Im Sommer glänzen da Äpfel aus Südafrika, der Türkei und Chile unter dem künstlichen Licht. Wäßrige Tomaten aus Holland. Pestizidpaprikas aus Spanien. Daß man Bananen importieren muß, ist mir klar - aber Äpfel? Mich würde jedenfalls interessieren, wie hoch der CO2-Anteil ist, der aus dem vollkommen sinnlosen Herumkarren von Lebensmitteln resultiert.
Es gibt so Tage, da könnt' ich die Wände hochgehen, echt. Die alten, delikaten Apfelsorten werden von der EU gekonnt verhindert, weil einfach nicht gefördert (und sie werden bald ausgestorben sein), auf den Tisch kommen nur mehr genormte, ertragreiche Sorten, die umso fader schmecken. Haben Sie schon einmal einen frisch gepflückten (ungespritzten) Apfel aus Nachbars Garten probiert, einen Boskop zum Beispiel? Oder eine butterweiche, zum Hinschmelzen köstliche Birne vom sonnenbeschienenen Spalier Ihres Lieblingsonkels? Einen Paradeiser aus Mutterns Garten? Lustig, bei Marillen und Erdbeeren funktioniert's. Saisonbedingt und daher nur kurz zu haben, dann dafür aber aromatisch und verführerisch. Es gibt im Salzburgischen einen aufsässigen Bauern, den Sepp Holzer, der mit seiner Permakultur großes Aufsehen erregte und mit der EU seit Jahren im Dauerclinch liegt, weil beispielsweise auf seinem Krameterhof mitten in den Bergen sogar Kiwis, Kürbisse und Melonen gedeihen, die er per Bescheid nicht verkaufen darf, weil Kiwis laut EU gefälligst nicht auf 1.500 Metern Seehöhe zu wachsen haben.
Ich sag Ihnen jetzt was. Ich bin weder praktizierender Gutmensch noch in irgendeiner Form nationalistisch eingestellt. Aber ich bekenne mich bei ein paar Sachen zu uneingeschränktem Regionalismus. Ich kaufe - wenn überhaupt - ausschließlich Toni's Freilandeier (wobei selbst der seine Hühner künftig einsperren muß, wir haben ja Zugvogelalarm, huh), ich wähle, in Wien wohnend, das Joghurt und die Milch aus dem angrenzenden Niederösterreich, ich entscheide mich für Fleisch- und Wurstprodukte, von denen man mir (hoffentlich) glaubhaft versichern kann, daß sie aus artgerechter Haltung und von nahe gelegenen Bauernhöfen stammen, und ich versuche ernsthaft, Obst und Gemüse aus dem Burgenland und der Steiermark zu kriegen, wann immer mir das möglich ist. Das ist zwar empfindlich teurer, aber ich will mich, wenigstens in meiner kleinen Welt und soweit es mir irgendwie möglich ist, nicht über Gebühr mitschuldig machen an den unglaublichen Affronts, die unsere Spezies sich gegen Mamma Natur leistet. Naiv, ich weiß. Und irgendwann spreche ich dann wohl voller Demut bei Sepp Holzer vor und frage ihn, ob ich bei ihm ein bißchen schuften darf, für Kost und Logis.
Potentielles Jesusschlapfen-Stigma hin oder her. Das poste ich jetzt.

(Editiert: 20.10.05 - 20:54)
(Editiert: 20.10.05 - 21:09)
Danke, Berni!
(Editiert: 21.10.05 - 10:47)
In Deuschland gab es mal ein Lebensmittel-Gütesiegel "Markenprodukt aus deutschen Landen". Das wurde verboten, da es angeblich den Wettbewerb innerhalb der EU zugunsten deutscher Produkte beinflusst hat. Ich kaufe trotzdem tägliche Lebensmittel mit Regionalbezug.
Die Sache mit den Eiern ist ja noch eine ganz andere. Ich kann überhaupt nicht verstehen, dass es noch Menschen gibt, denen es schlichtweg egal ist, ob das Ei aus einer Legebatterie stammt, hauptsache billig. Mir dreht sich der Magen um, wenn ich nur an so ein Ei denke.
Wir wissen alle ganz genau, dass wir allein mit unserem Kaufverhalten etwas ändern können. Nur wenn jeder denkt, sollen doch die anderen machen, fällt ja eh nicht auf, wenn ich 'ausnahmsweise' die Legebatterie-Packung nehme, dann bleibts halt doch, wie es ist.
(Editiert: 21.10.05 - 13:58)
Und was die Vegetarier angeht, zu denen ich mich (ohne Recht zu wissen, wieso) auch zähle: wir sind auch nicht besser. Und ich glaube, nicht mal die Veganer sind besser, denn Monokulturen sind ebenfalls nicht das allerbeste für unseren Planeten.
Ach, und Jesuslatschen haben Style ;-)
(Editiert: 21.10.05 - 20:45)
Und übrigens: Für die Verwandung des Wortes JESUSSCHLAPFEN könnt ich sie glatt knutschen. - Herzallerliebst!!
(Editiert: 21.10.05 - 21:11)
(Editiert: 21.10.05 - 21:13)
Und bjklog: danke fürs Knutschen: man kann das in Zeiten wie diesen ja schließlich echt gut brauchen! ;-) Jesusschlapfen-Kommentar, Ende.
(Editiert: 22.10.05 - 01:00)
Aber wer jetzt denkt, das sei nur bei Endprodukten so, der irrt gewaltig. Es gibt Produkte, die werden im ersten Drittel in Deutschland produziert, dann nach China gebracht, um dort weiterverarbeitet zu werden, im Anschluß wieder zurück nach Deutschland verschifft, um dort fertiggestellt zu werden, um am Ende dann doch erst in China verkauft zu werden. Und das Schlimme daran ist: Das ist dann meist sogar die _billigste_ Variante, dieses Erzeugnis herzustellen. Das ist es, was ich in Wahrheit so krank finde.
Und Schuld an dieser Entwicklung sind wir Kunden/Endnutzer und unsere bereits selbstverständlichen Angewohnheiten.
Und um als CO2-Ausstoss-Jesusschlapfen-Trittbrettfa hrer eines drauf zu setzen, müsste ich jetzt gehässigerweise eigentlich folgendes sagen: Liebe Frau Julia, wissen Sie eigentlich, welchen ungeheuren Stromverbrauch ihr Blog, welches eigentlich - bei allem Respekt und aller Hochachtung - nicht für den Weiterbestand dieser Spezies essenziell ist, verursacht und welcher CO2-Ausstoss damit verbunden ist? *gg*
Quak! :)
(Editiert: 22.10.05 - 10:02)
Ad Energieverbrauch: nojo. Ich bin eigentlich gezwungen, mich da sehr einzuschränken, weil meine Fixkosten im ziemlich engen Rahmen bleiben müssen und das bei 40 qm Wohnfläche auch relativ leicht tun. Also ganz so verschwenderisch, wie der liebe Fireball da tut, geh ich mit der Energie nicht um; ich zieh mir dieser Tage ganz im Gegenteil schon einmal lieber eine Wollweste an, anstatt die Heizung aufzudrehen.
Den ungeheuren Stromverbrauch, den mein unnötiger Blog, der - richtig beobachtet - nicht für den Weiterbestand dieser Spezies essentiell ist, verursacht, kompensiere ich übrigens ein wenig dadurch, daß ich meine Glotze vor eineinhalb Jahren verschenkt habe. Ersatzlos. Und den Blog-Luxus, den leist ich mir als bekennender Nicht-Gutmensch auch weiterhin.
hat gesprochen,
geht ab,
Vorhang zu.
(Editiert: 08.12.05 - 11:46)
Ich sag Dir, wer und was Schuld ist, an allem, aber ist ist nichts Neues. Genu hinhören:
Es ist das heißeste Jahr aller Zeiten.
Ich wieder hole:
Es ist das heißeste Jahr aller Zeiten.
Aber das klärt noch lange nicht die Schuldfrage. Schuld ist PISA und die schlechte Bildung.
Denn: das arktische Eis geht pro Jahr um 9,8% zurück. Mit dieser Zahl konfrotiert meint Leiterin des WWF-Programms für den Klimawandel, Lara Hansen: möglicherweise werde die Arktis bis zum Ende des Jahrhunderts eisfrei sein.
(http://www.n-tv.de/610795.html)
Rechnerechnerechne: 9,8% pro Jahr ... 95 Jahre bis Ende des Jahrhunderts... hmmm... irgendwas geht sich da jetz nicht aus...
Das kanns also auch nicht sein. Aber es ist ja gerade UN-Klimakonferenz, und dort findet man Trost auf der Suche nach Schuld: die Männer sinds. Als hätten wir's in Wirklichkeit nicht eh schon alle längst gewusst. (http://www.cnsnews.com/ViewSpecialRepor ts.asp?Page=\SpecialReports\archive\2005 12\SPE20051206a.html). Mit Spannung erwarte ich den Report, der die Schuld von Bush belegt. Oder Schüssel.
Es das heisseste Jahr aller Zeiten.
Das Eis schmilzt. Da muss ich was abschreiben:
"Apropos Eis: Empfehlenswert ist ein Besuch auf dem Stand der japanischen Antarktisforschung. Dort präsentieren Geologen die Ergebnisse ihrer Bohrungen im antarktischen Eis, anhand derer sie das Klima mehrere hunderttausend Jahre zurückverfolgen können.
Für den Laien halten solche Klimaarchive gleich mehrere Überraschungen bereit. Erstens ist unser Klima heute im Vergleich mit früheren Zeiten eher kalt. Zweitens ist es in der Erdgeschichte stets so gewesen, dass zuerst die Temperaturen gestiegen sind, woraufhin der Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre mit ungefähr 2.000 Jahren Verzögerung folgte.
Was sie daraus für die aktuelle Diskussion um den Treibhauseffekt schließen, frage ich die Wissenschaftler. „Wir wissen es nicht,“ sagen sie mir. „Wir sind auch nicht dafür da, Prognosen abzugeben. Das machen die Klimatologen mit ihren Supercomputern und die haben dabei mit groben Vereinfachungen und großen Unsicherheiten umzugehen. Aber wird können mit großer Sicherheit sagen, was in der Vergangenheit war. Und da war es eben so, dass der Kohlendioxidgehalt den Temperaturen folgte und nicht umgekehrt.“
Ganz nebenbei widerlegt die geohistorische Forschung die vielgehörte Behauptung, es sei noch nie wärmer gewesen als heute. „Wir haben Eiszeiten gehabt und wir haben Warmzeiten gehabt,“ erklären mir die japanischen Wissenschaftler, „das Klima war nie stabil, sondern hat sich immer geändert. Man muß es wohl so nehmen, wie es kommt, und sich an die Temperaturen anpassen“.
Zum Abschied darf ich dann auch noch ihre Arbeit probieren, sie haben nämlich antarktisches Eis von einer ihrer letzten Bohrungen mitgebracht, das sie hier in kleine Stücke zerbrechen und mit kanadischem Wasser servieren. „Etwa 10.000 Jahre ist diese Probe alt,“ erklärt mir die freundliche Geologin, „und wenn Sie ganz genau hinhören, dann hören Sie, wie sich kleine Bläschen aus dem Eis lösen. Das ist die Luft der Steinzeit.“ Das Eis schmeckte übrigens trotz des wahrscheinlich bereits abgelaufenen Verfallsdatums erstaunlich gut."
Das ist mein heutiger Beitrag zum Ökopessimismus. Es ist alles fürchterlich :)
(Editiert: 08.12.05 - 11:50)
(Editiert: 08.12.05 - 13:06)
Die japanischen Walfänger bezahlen auch Wissenschaftler. Opa ist manchmal ganz schön verwirrt und deshalb jetzt attac beigetreten. Es ist die einzige Möglichkeit, einigermaßen objektiv informiert zu werden.
Richtig rührend, wenn die Luft aus der Steinzeit perlt, na prima.